„Gemeinsam nutzen, statt überall neu zu erfinden – der Austausch bestehender Expertisen“

Tanja Ottenbacher ist die Leiterin der Arbeitsstelle Hochschuldidaktik der Universität Hohenheim. Sie ist seit der Gründung des Hochschulnetzwerk Digitalisierung der Lehre Baden-Württemberg fester Bestandteil und übernimmt die universitäre Vertretung der Universität Hohenheim im Expert*innenkreis. Gleichzeitig vertritt Tanja Ottenbacher die Universität Hohenheim im Hochschuldidaktikzentrum Baden-Württemberg (HDZ), welches dieses Jahr sein 25-jähriges Jubiläum feiert.
Wo stand die Universität Hohenheim und das HND-BW vor 10 Jahren in Bezug auf Digitalisierung und digitales Lernen?
Hohenheim ist eine kleine Universität, war im Bereich Digitalisierung aber schon immer gut aufgestellt. Eine Mediendidaktik gab es bei uns bereits seit 2006, also lange vor der Gründung des HND BW. Und Hohenheim gehörte damals zu den ersten Universitäten, die gesagt haben: Wir brauchen eine Lernplattform.
Wir haben das Thema von Anfang an konsequent vorangetrieben, technisch wie didaktisch. Technisch lag das vor allem an der engen Zusammenarbeit mit unserem Rechenzentrum, dem KIM. Diese Zusammenarbeit hat schon in dieser frühen Phase sehr gut funktioniert und hält bis heute an.
Da das Netzwerk seinen Schwerpunkt von Beginn an auf Lehre und Didaktik legte, war schnell klar, dass die Vertretung bei uns in der Hochschuldidaktik gut aufgehoben ist, natürlich in enger Abstimmung mit dem KIM.
Zuständig war zunächst eine Mitarbeiterin von mir, die auch in den Anfangszeiten des HND BW dabei war. Als sie die Universität verlassen hat, bin ich für Sie als feste Vertretung im Expertenkreis eingestiegen. Das war spannend, aber auch eine große Herausforderung. So habe ich angefangen, mich selbst ins Netzwerk einzubringen bei Sitzungen dabei sein, Protokolle lesen, mitgestalten oder auch einfach mal sagen: „Passt so, weiter so!“. So bin ich bis heute im Expertenkreis geblieben
Was hat sich Ihrer Wahrnehmung nach in den letzten Jahren im Bereich Digitalisierung getan und inwiefern hat das HND-BW dazu beigetragen?
Gefühlt habe ich drei große Wellen mitgemacht; durch meine Zeit im HDZ blicke ich sogar noch ein paar Jahre weiter zurück.
Die erste Welle war die Bologna-Reform. Das war eine gefühlt eine echte Revolution, da musste alles überarbeitet werden, aber diese Veränderung war geplant und absehbar, man konnte sich vorbereiten.
Dann kam Corona und hat uns völlig überrollt. Plötzlich war alles anders, die Hörsäle waren leer. Wir waren doppelt gefordert: Es ging einerseits darum, die Lehre überhaupt digital abzubilden, andererseits darum, das didaktisch sinnvoll zu tun. Eine Vorlesung einfach zu streamen, reicht eben nicht. Die Studierenden saßen auf einmal den ganzen Tag am Bildschirm, und darauf musste die Lehre reagieren, damit sie wirksam bleibt. Das war eine harte Zeit, aber Corona hat auch einen unglaublichen Digitalisierungsschub ausgelöst.
Jetzt sind wir mitten in der dritten Welle: der KI-Welle. Aber anders als Corona haben wir etwas mehr Zeit, uns damit auseinanderzusetzen. Wir müssen uns damit beschäftigen, aber nicht aus einer akuten Notlage heraus.
Gerade beim Thema KI finde ich das HND BW ausgesprochen hilfreich. Durch den kollegialen Austausch profitieren wir Universitäten voneinander. Da entstehen echte Synergieeffekte: Mal hat die eine Hochschule mehr Expertise, mal die andere. Und ich bin ein großer Fan davon zu sagen: Wir müssen das Rad nicht überall neu erfinden. Wenn eine Universität etwas entwickelt und als OER zur Verfügung stellt, dann nehme ich das gerne und passe es an, denn wir haben schlicht nicht die Kapazitäten, überall selbst Expertinnen und Experten zu sein. Hier ist so ein Netzwerk wie das HND BW sehr hilfreich.
Für mich persönlich war es außerdem sehr schön zu sehen, wie sich die Dinge entwickelt haben. Vor zehn Jahren war die Trennung zwischen Mediendidaktik und Hochschuldidaktik noch viel klarer; bei uns in Hohenheim gab es sogar ein eigenes Mediendidaktik-Programm. Das haben wir inzwischen abgeschafft, weil sich die Grenzen seit Corona immer stärker auflösen. Wenn ich heute in unser hochschuldidaktisches Programm schaue, gibt es kaum noch eine Veranstaltung, in der Digitalisierung keine Rolle spielt, denn alle Lehrenden sollten heute über Medienkompetenz verfügen. Diese Bereiche lassen sich einfach nicht mehr strikt trennen: Hochschuldidaktik ohne Digitalisierung wäre heute fast undenkbar und umgekehrt braucht die Digitalisierung die Hochschuldidaktik, damit sie in der Lehre wirklich sinnvoll ankommt.
Welche Entwicklungen und Kompetenzen werden Ihrer Wahrnehmung nach künftig eine zentrale Rolle für E-Learning spielen?
Das Thema KI wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell neue Tools und Updates auf den Markt kommen, manchmal ist es fast beängstigend, was KI inzwischen kann.
Erfreulich ist, dass Lehrende dabei auf ein breites Unterstützungsangebot zurückgreifen können. Bei uns in Hohenheim haben wir einige Veranstaltungen zum Thema KI im Programm, landesweit kommt eine ganze Reihe weiterer Formate hinzu: der Higher Education Day etwa, den HDZ und HND BW dieses Jahr bereits zum zweiten Mal gemeinsam ausrichten, oder die FOKI-Reihe vom HND BW, die wir im Herbst 2025 abgeschlossen haben und die sich intensiv mit der Integration von KI in die Curricula beschäftigt hat. Wer sich orientieren möchte, findet also von der kurzen Einführung bis zur vertieften Auseinandersetzung sehr gute Anlaufstellen.
Kommende Themen werden nicht kleiner, umso wichtiger, dass wir sie nicht jede Hochschule für sich angehen müssen. Ich wünsche dem HND BW von Herzen viele weitere erfolgreiche Jahre und uns allen eine ebenso gute Zusammenarbeit wie bisher.
Das Interview wurde geführt von Emily Möbs am 03.06.2026.
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