„Gemeinsam wachsen: Voneinander-Lernen als Prinzip seit Tag eins.“

Niko Baldus ist Stellvertretende Leitung des Zentrums für Lehren und Lernen an der Universität Mannheim, sowie Leitung des eLearning-Service. Er war bereits seit 2016 Mitglied der Hochschulspezifischen Arbeitskreise der ehemaligen Struktur des HND-BW und hält seit 2019 die Rolle der Institutionellen Vertretung der Universität Mannheim im Expert*innenkreis inne.
Wo stand die Universität Mannheim und das HND-BW vor 10 Jahren in Bezug auf Digitalisierung und digitales Lernen?
Vor 10 Jahren war die Universität Mannheim noch relativ am Anfang, was die Digitalisierung in der Lehre anbelangt. Es gab natürlich Lehrende, die bereits digitale Medien in ihre Lehre eingebunden haben und wir hatten auch mit ILIAS eine Lernplattform, aber diese wurde zu dem Zeitpunkt in den meisten Fällen nur als Dateiablage genutzt. Ich hatte zwei Jahre vor Gründung des HND BW dann die Chance, unseren eLearning-Service aufzubauen. Unser Startpunkt waren zwei Services, die wir mit den Lehrenden und Studierenden zusammen entwickeln wollten: Ein Inverted-Classroom-Service und einen Vorlesungsaufzeichnungsservice. Für den IC-Service haben wir uns entschieden, weil wir in dieser Methode den besten Ansatz sahen, um aus der Technologie den größten Mehrwert für die Lehre zu erzielen. Der Ansatz war, das muss man auch sagen, zu der Zeit im Diskurs auch einfach sehr präsent. Ich konnte schnell drei Lehrende finden, die ich bei der Umsetzung eines IC unterstützen durfte. Das war sehr wertvoll und da konnten wir viele Erfahrungen sammeln. Für den Vorlesungsaufzeichnungsservice haben wir uns nach Gesprächen mit Studierenden entschieden, die, über die Fachbereiche hinweg, sich ein solches Angebot wünschten. Das war neben der Risikokomponente IC im Grunde so etwas wie eine sichere Bank, weil insbesondere in zwei Fakultäten die Nachfrage nach solchen Aufnahmen hoch war. Wir haben aber auch hier klein angefangen: Wir setzten Hiwis ein, die mit Kamera und Aufnahme-Laptop in die Veranstaltungen gingen und die Aufzeichnungen erstellten, dann bearbeiteten und dann auf ILIAS hochluden. Das war ein Riesenaufwand, aber die Ergebnisse waren sehr hochwertig und fungierten auch als Türöffner für weitere, anspruchsvollere Projekte
Als dann zwei Jahre später das HND-BW gegründet wurde, hatten einige Universitäten uns gegenüber aber sicher noch mindestens einen kleinen Vorsprung, was die Digitalisierung in der Lehre anbelangt. Doch von heute zurückblickend steckten wir bei dem Thema gefühlt alle noch in den Kinderschuhen.
Die größte Herausforderung zu Beginn unserer Zusammenarbeit war, sich erst einmal zusammenzufinden. Wie gesagt standen wir als Universitäten an verschiedenen Punkten der Einbindung von digitalen Medien in die Lehre, aber das galt auch für uns als Mitarbeitende im HND-BW. Ich war in jederlei Hinsicht der Novize in der Runde: Ich war nicht nur der Jüngste, sondern auch derjenige mit der geringsten Erfahrung in diesem Arbeitsumfeld. Es war eine steile Lernkurve und der Austausch insbesondere mit den Kolleg*innen, die schon weiter waren als wir, und schon erfahrener in dem Feld war wirklich sehr wertvoll. Abseits von meinen persönlichen Erfahrungen ging es im Netzwerk schnell darum, zu schauen, wo wir tatsächlich gemeinsam wirksam werden können mit dem, was wir tun. Es galt, Bedarfe zu identifizieren, die realisierbar sind, und erste politische Schritte zu wagen, etwa Empfehlungen für unsere Hochschulen aber auch das MWK zu erarbeiten und zu schauen: Was sind gemeinsame Zielsetzungen? Wie sind die Mehrheiten an den Universitäten? Wo können wir uns in der Breite dahinter stellen? Das war wichtig, um überhaupt einen Modus Operandi zu finden.
Was hat sich Ihrer Wahrnehmung nach in den letzten Jahren im Bereich Digitalisierung getan und inwiefern hat das HND-BW dazu beigetragen?
Für mich gab es zwei entscheidende Ereignisse, die das Netzwerk nach vorne gebracht haben: zum einen war da natürlich die Corona-Pandemie, und zum anderen der erfolgreiche »PePP«-Antrag. Beide Ereignisse haben, sowohl in der internen Wahrnehmung als auch aus Sicht der Beteiligten, dem HND-BW einen sehr großen Schub gegeben.
Man könnte die permanente Finanzierung als weiteren Meilenstein ergänzen. Da würde ich mich jetzt mal aus dem Fenster lehnen und sagen: Ohne die beiden Ereignisse vorher hätte es diese Entscheidung vielleicht nicht gegeben.
Was die beteiligten Universitäten anbelangt, hat das Netzwerk sicherlich sehr geholfen, die Heterogenität zwischen uns zu reduzieren. Ich würde sagen, dass inzwischen was die Digitalisierung in der Lehre anbelangt, keine Uni der anderen mehr signifikant voraus ist. Sicherlich gibt es unterschiedliche Schwerpunkte und Stärken, die uns voneinander unterscheiden, aber die Arbeit im Netzwerk, insbesondere auch während oder seit der Pandemie, hat uns in dem, was wir tun und was wir anbieten schon ähnlicher gemacht. Ich denke, da hat auch unsere Zusammensetzung im Expert*innenkreis einen großen Anteil gehabt und natürlich gerade seit der Neukonstituierung des Netzwerks der Einsatz der Geschäftsführung.
Wir sind ein ziemlich bunt zusammengewürfelter Haufen, dadurch, dass das Lernen mit digitalen Medien an der jeweiligen Hochschule organisatorisch unterschiedlich aufgehängt ist. Durch diese unterschiedlichen Verortungen und Hintergründe entsteht ein Sammelsurium an Expertise, das ich an meiner eigenen Universität so niemals hätte haben können. Das war ein sehr großer Mehrwert für mich und ich denke für alle meiner Netzwerk-Kolleg*innen. Als sehr wertvoll empfinde ich auch das Vertrauen zwischen uns, das sich über die letzten 10 Jahre entwickelt hat. Fünf von neun arbeiten schon seit Stunde eins zusammen und ich denke die anderen vier haben schnell und leicht in die Gruppe reingefunden. Das macht schon sehr viel aus, weil wir sehr offen über unsere Herausforderungen aber auch Lösungen reden können. Während der Pandemie ging es bspw. darum, wie wir Prüfungsformate digitalisieren können, Lehrmaterialien zugänglich machen oder Prozesse optimieren. Es ist nicht gewagt, zu sagen, dass wir alle nicht so gut durch die Pandemie gekommen wären, wenn es das HND BW nicht gegeben hätte.
Welche Entwicklungen und Kompetenzen werden Ihrer Wahrnehmung nach künftig eine zentrale Rolle für E-Learning spielen?
Die Pandemie hat durch die Ad-Hoc Digitalisierung der Lehre unserem Thema einen enormen Schub gegeben. Auch wenn es an den Hochschulen und auch in der Politik in Teilen auch Rückwärtsbewegungen gab, sobald der Innovationsdruck nachließ, was aber bei Innovationen ganz normal ist. Aber grundlegend lässt sich sagen: Das Lernen mit digitalen Medien wird heute nicht mehr infrage gestellt. Es ist an den Universitäten angekommen und akzeptiert. Aber wir wissen natürlich auch, dass die Ad Hoc Digitalisierung nicht zwangsläufig zu guter Lehre geführt hat. Hier gilt es grundsätzlich weiter zu prüfen, welche Mehrwerte die Digitalisierung in der Lehre bringen kann und diese zu fördern – ob es um grundlegende didaktische Fragestellungen geht, geeignete Tools oder Spezialthemen wie Learning Analytics.
Das offensichtliche Thema ist aber natürlich KI, das werden wohl alle im HND-BW so sehen. Die Technologie stellt uns vor viele Fragen: Sind Vorlesungen noch valide Lehrformate, wenn sich Studierende mit ChatGPT und NotebookLLM die Inhalte erschließen? Wofür kommen wir überhaupt noch in Präsenz zusammen? Wie müssen sich Universitäten und insbesondere die Lehre verändern, um noch attraktiv für die Studierenden von morgen zu sein? Welche Bedarfe und Herausforderungen entstehen für die Lehre und das Lernen durch KI und wie wollen wir diesen begegnen? Für die Beantwortung dieser Fragen ist das Netzwerk sehr wichtig, weil die Entwicklungen oftmals zu schnell und die Herausforderungen zu komplex sind, um allein immer wieder aufs Neue passenden Antworten zu finden. Hochschulübergreifende Zusammenarbeit ist hier essentiell. Die Struktur des Netzwerks stimmt mich dahingehend sehr zuversichtlich, dass wir zukünftig noch stärker strategisch zusammenarbeiten werden. Wenn es uns gelingt, die Erfahrungen und Expertisen zu bündeln, gemeinsame Bedarfe, Herausforderungen und Chancen zu identifizieren und gemeinsam als Verbund darauf zu reagieren, können wir effizienter und kostengünstiger Lösungen entwickeln, als wenn jede Hochschule allein agiert. Ich freue mich darauf, das mit meinen Kolleg*innen im Expert*innenkreis zusammen anzupacken.
Das Interview wurde geführt von Emily Möbs am 08.06.2026.
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