„Digitalisierung verändert die Lehre – doch, ob sie gelingt, hängt von der Bereitschaft zu Zusammenarbeit ab“

Dr. Simone Rehm ist Prorektorin für Informationstechnologie und CIO der Universität Stuttgart. Sie engagiert sich seit der Gründung des Hochschulnetzwerks Digitalisierung der Lehre Baden-Württemberg (HND-BW) im Jahr 2016 in diesem Netzwerk. Gemeinsam mit Prof. Dr. Alexander Wanner (KIT) setzte sie sich 2019 erfolgreich für die Fortführung und strukturelle Weiterentwicklung des Netzwerks ein. Frau Rehm ist seither beratendes Mitglied des HND-BW Lenkungskreises.
Wie hat sich das HND-BW seit seiner Gründung entwickelt und welche Herausforderungen gab es?
Aus meiner Sicht lässt sich die Historie des HND-BW in zwei Phasen unterteilen: die vom MWK geförderte Anfangszeit von 2016 bis 2019 und die von allen Universitäten gemeinschaftlich getragene Fortsetzung von 2020 bis heute.
Bereits vor meiner Zeit an der Universität Stuttgart beschloss die Landesrektorenkonferenz der baden-württembergischen Universitäten (LRK), mit Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) ein „Hochschulnetzwerk Digitalisierung der Lehre Baden-Württemberg“ (HND-BW) zu gründen. Die Digitalisierung hatte bereits ein Stadium erreicht, in dem große digital unterstützte Lehrveranstaltungen möglich waren. Gleichzeitig fürchteten Universitäten und Hochschulen die Folgen weiterer disruptiven Veränderungen in der Lehre. Ein Grundsatzpapier, erarbeitet vom MWK und Expert*innen aus den Hochschulen, das sog. Fachkonzept E-Learning, fasste den Status-Quo der Veränderungen zusammen und benannte konkreten Handlungsbedarf. Dieses Konzept diente als Grundlage für das HND-BW und war – ebenso wie das Netzwerk selbst – hochschulartenübergreifend ausgerichtet – eine Entscheidung, die ich als zukunftsweisend empfand, da Lehre in allen Hochschularten vom digitalen Wandel betroffen war.
In dieser Phase begann das HND-BW seine Arbeit. Als ich 2016 an die Universität Stuttgart kam, übernahm ich die Aufgabe, eine Geschäftsstelle für das HND-BW aufzubauen und eine Leitung dafür zu suchen. In diesem Zeitabschnitt wurden die Arbeitsstrukturen zunächst mit Dr. Alexander Classen und dann mit Mandy Kaiser als Geschäftsstellenleiterin etabliert. Es entstanden sowohl hochschulartenübergreifende als auch hochschulartenspezifische Arbeitskreise, die inhaltliche Arbeit leisteten. Zudem wurde das Branding des HND-BW entwickelt und eine Web-Seite aufgebaut.
2019/2020 arbeiteten Herr Wanner und ich an der Zukunft und Umstrukturierung des Netzwerks, als beschlossen wurde, das Netzwerk unabhängig von Fördermitteln weiterzuentwickeln. Ursprünglich sollte die hochschulübergreifende Ausrichtung beibehalten werden, da sie für mich ein Alleinstellungsmerkmal darstellte. Dies scheiterte letztlich an der unzureichenden Finanzierungsbereitschaft der Hochschulen. Dennoch sind einige thematische Arbeitsgruppen weiterhin inklusiv aufgestellt und beziehen alle Hochschularten ein.
Was hat sich Ihrer Wahrnehmung nach in den letzten Jahren im Bereich Digitalisierung der Hochschullehre getan und inwiefern hat das HND-BW dazu beigetragen?
Entscheidend war zunächst das Committment der Universitäten, das HND-BW als tragende Struktur zu etablieren. Dies brachte nicht nur praktische Vorteile mit sich, wie den festen Sitz der Geschäftsstelle an einer Universität und die Anstellung von Dr. Matthias Bandtel, sondern schuf auch die Basis für eine äußerst produktive Zusammenarbeit: Die Universitäten übernahmen die Grundfinanzierung, während das HND-BW die Kraft generierte, weitere Fördermittel einzuwerben. Dass dieses Konzept aufging, darauf bin ich besonders stolz.
Zu diesem Zeitpunkt präsentierte sich die Universität Stuttgart noch stark als Präsenzhochschule, und niemand hat damals mit der Pandemie gerechnet. Doch im Sommersemester 2020, als die Coronawelle kam, mussten wir unsere Haltung überdenken. Ohne das HND-BW und seine vorausschauende Vorbereitung hätte der komplette Umstieg auf digitale Lehre nicht so reibungslos funktioniert. Dies betraf sowohl die technische Infrastruktur als auch die Mediendidaktik: Digitale Lehrformate mussten neu gedacht und umgesetzt werden.
Im Prüfungswesen erzielte Baden-Württemberg mit dem »PePP«-Projekt große Erfolge. Themen wie KI, die die Lehre nachhaltig prägen, wurden vom HND-BW ebenfalls proaktiv aufgegriffen – im Sinne einer Chancenanalyse sowie einer kritischen Auseinandersetzung mit potenziellen Risiken. Besonders beeindruckt haben mich zuletzt die Initiativen »bwDigiRecht« und »bwGPT«: Dass das HND-BW hier rechtliche Perspektiven systematisch beleuchtet, halte ich für besonders wichtig.
Welche Kompetenzen werden Ihrer Wahrnehmung nach künftig eine zentrale Rolle in der Hochschullehre spielen und wie könnte das HND-BW ihre Entwicklung unterstützen?
Das Thema KI wird in den kommenden Jahren die Lehre maßgeblich beeinflussen. Aber KI kann und darf die menschliche Intelligenz nicht ersetzen – und sie wird es auch niemals können. Ich lehne das Zukunftsbild einer hybriden Intelligenz (als bloße Symbiose aus Menschen und Maschine) ab. Sicher wird sich die Technologie weiterentwickeln, beschleunigen und verbessern, doch ob sich die Lehre dadurch qualitativ verbessert, vermag ich nicht zu prognostizieren. Sie wird sich weiter verändern, so viel ist sicher. Als Bildungseinrichtungen sind wir verpflichtet, diese Veränderung aktiv zu gestalten, wobei Bildung hoffentlich weiterhin über den Menschen vermittelt wird. Genau das wünsche ich mir jedenfalls für die Zukunft.
Das HND-BW versteht sich weder als Meinungsmacher noch als Meinungsträger und soll beides auch nicht sein. Doch es bietet hoffentlich weiterhin eine wichtige Diskursplattform, auf der kritische Reflexion stattfinden kann und muss.
Ich halte das HND-BW für ein wertvolles Instrument, weil es den Prorektor*innen für Lehre aller Universitäten in Baden-Württemberg einen geschützten Raum bietet, in dem sie sich austauschen, gemeinsam innovative Ideen entwickeln, aber auch angstfrei ihre Zweifel äußern können. In einer Welt, die oft blind auf Technologie als Problemlöser setzt, ist ein solcher Raum von unschätzbarem Wert und unverzichtbar. Dass dabei ein gemeinsames Meinungsbild entsteht, ist nicht zwingend erforderlich, doch die Einordnung der Möglichkeiten und Grenzen ist essenziell.
Das Interview wurde geführt von Emily Möbs am 03.06.2026.
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