„Allein stark, gemeinsam stärker: HND-BW macht uns innovativer.“

Dr. Tatjana Spaeth leitet die Stabstelle Zentrum für Lehrentwicklung der Universität Ulm. Seit der Gründung des HND-BW (Hochschulnetzwerk Digitalisierung der Lehre Baden-Württemberg) engagiert sie sich im Netzwerk als Expertin. Seit 2020 vertritt sie die Interessen der Universität Ulm im Expert*innenkreis des HND-BW.
Wo stand die Universität Ulm und das HND-BW vor 10 Jahren in Bezug auf Digitalisierung und digitales Lernen?
Schon 2013 hat man sich an der Universität Ulm bewusst für Moodle als alleinige Plattform entschieden. Das war damals ein infrastruktureller Meilenstein des E-Learning, auch wenn der Begriff „digitale Lehre“ noch gar nicht verbreitet war. Damals waren die Möglichkeiten noch sehr begrenzt. Wenn eine Hochschule gut aufgestellt war, konnte man ein Skript zum Download anbieten. Und dann kamen die ersten Aufzeichnungen, aber sie waren recht basic. Heute wirken diese Methoden fast primitiv, aber damals waren sie bahnbrechend.
Der große Vorteil durch die Gründung des HND-BW war aus meiner Sicht, dass der Austausch und das Bewusstsein für Digitalisierung in den Universitäten viel stärker angekommen ist.
Durch den kollegialen Austausch im Netzwerk konnten wir voneinander lernen und Themen in unsere eigenen Unis tragen, die dort sonst vielleicht nicht so schnell aufgegriffen worden wären. Beispielsweise war Learning Analytics in Mannheim ein großes Thema, und die Hochschule hat tatsächlich eine Lösung umgesetzt – ohne größere Datenschutzprobleme zu bekommen. Solche Praxisbeispiele haben uns ermöglicht, in eigenen Unis Diskussionen anzustoßen und zu zeigen, dass es funktioniert.
Für mich persönlich war vor allem die Eingebundenheit in die Gemeinschaft das Schönste. Es hat mir gezeigt, dass wir als einzelne Uni zwar viel schaffen können, aber als Netzwerk sind wir einfach stärker und innovativer. Natürlich sah ich durchaus Vorteile für den eigenen Standort: das hing sicherlich auch damit zusammen, dass die Uni Ulm keine Volluniversität ist, sondern stark auf MINT-Fächer fokussiert ist. Dadurch ist die Uni natürlich aufgeschlossener gegenüber neuen technischen Entwicklungen, was sich hier als großer Vorteil erwies. Wir sind natürlich eine tolle Moodle-Universität. Moodle ist einfach die bessere Lernplattform (😉), und diesen Vorteil können wir optimal ins Netzwerk einbringen.
Was hat sich Ihrer Wahrnehmung nach in den letzten Jahren im Bereich Digitalisierung getan und inwiefern hat das HND-BW dazu beigetragen?
Corona: das war für viele Lehrende, aber auch für Studierende, quasi ein Sprung ins kalte Wasser. Plötzlich musste man sich zwangsläufig mit den Möglichkeiten der Digitalisierung in der Lehre, in Prüfungen, in der gesamten Universitätsorganisation und im Arbeitsalltag auseinandersetzen. Das hat der Digitalisierung einen riesigen Schub gegeben.
In dieser herausfordernden Phase 2020 war es besonders schön zu sehen, wie das HND-BW half, diese Krise zu meistern. Durch den Austausch konnten wir uns gegenseitig inspirieren. Ohne das Netzwerk wäre das meiner Meinung nach nicht so effektiv möglich gewesen, besonders im Bereich der elektronischen Prüfungen. Es gab zwar eine große Bandbreite an Herangehensweisen, aber durch den Austausch konnten wir auch Skepsis in den Einrichtungen abbauen und klarmachen, dass das Thema Digitalisierung kein vorübergehender Trend ist. Es muss langfristig in neue Prüfungsordnungen, die technische Infrastruktur und die strategische Planung einfließen.
Zuvor war natürlich die Gründung an sich ein wichtiger Meilenstein, besonders in den ersten Jahren, als das Netzwerk noch hochschulübergreifend aufgestellt war. Das hat die Bewusstheit für Potenziale und Entwicklungsbedarfe in der digitalen Lehre bis ins MWK hinein aus meiner Sicht sehr gefördert. Ich finde es persönlich schade, dass nur die Universitäten sich zu einer Fortsetzung des Netzwerks entschlossen haben. Den hochschulübergreifenden Austausch habe ich als sehr bereichernd empfunden. Auf der anderen Seite ist der fokussierte Austausch im HND-BW der Universitäten auch ein sehr großer Gewinn.
Jetzt steht die Geschäftsstelle des HND-BW im direkten Austausch mit den Mitgliedern des Netzwerks, sammelt wichtige Informationen und Impulse aus der Praxis und kann diese gezielt in politischen und strategischen Gremien platzieren. Das ermöglicht es uns, Erfahrungen aus der Hochschullandschaft gebündelt zu vertreten, Best Practices sichtbar zu machen und gemeinsame Positionen gegenüber Entscheidungsträger*innen zu kommunizieren. Zudem fließen durch den Lenkungskreis die Informationen deutlicher zu den Prorektor*innen oder Vizepräsident*innen für Lehre. So können wir gezielt Einfluss nehmen.
Welche Themen, Entwicklungen und Kompetenzen werden Ihrer Wahrnehmung nach künftig eine zentrale Rolle im HND-BW spielen?
Wir sind mittendrin im Thema KI und hier zeigt sich: Die Technik ist oft schneller als unsere Konzepte. Es gibt zwar viele Einzellösungen und kleine Projekte von Lehrenden oder Fachbereichen, aber noch keine einheitliche, universitätsweite Lösung, die Studierenden und Lehrenden flächendeckend zur Verfügung steht.
Hier sehe ich eine große Herausforderung: Didaktische Ideen aus der Lehre müssen mit technischen und strategischen Entwicklungen abgeglichen werden. Es geht um Infrastruktur: Server, Personal und Budget. Und nicht zuletzt müssen wir gezielt politischen Einfluss nehmen, um die Rahmenbedingungen zu verbessern.
KI gibt es nicht zum Nulltarif. Es kostet Ressourcen, Geld und Know-how, und das wird uns noch lange beschäftigen.
Eine weitere zentrale Zukunftsfrage ist die Balance zwischen Präsenz- und Online-Lehre. Präsenzlehre hat unbestreitbare Vorteile. Sie schafft soziale Bindung, Austausch und direkte Interaktion. Aber wir müssen auch flexiblere Formate anbieten, um Studierenden gerecht zu werden, die Beruf und Studium vereinbaren, Kinder betreuen, pendeln oder einfach gesundheitliche Einschränkungen haben. Zusätzlich müssen wir mentale Gesundheit im Blick behalten. Vereinsamung ist ein reales Problem, wenn Studierende sich zu stark zurückziehen – sei es durch reine Online-Angebote oder aus Angst vor sozialen Kontakten.
Letztlich geht es um strategische Entscheidungen: „Was sind die Vor- und Nachteile von Präsenz vs. Online aus inhaltlicher und didaktischer Perspektive?“ Und „Wie können wir beides sinnvoll verbinden?“
Da sehe ich im HND-BW eine riesige Chance: Durch den Austausch können wir voneinander lernen, sehen, was funktioniert und gezielt Lösungen entwickeln, die allen Hochschulen nützen.
Das Interview wurde geführt von Emily Möbs am 11.06.2026.
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