„Nicht standardisieren, sondern im großen Stil verbinden.“

Prof. Dr. Alexander Wanner war von 2013 bis zu seinem Ruhestand 2025 Vizepräsident für Lehre und akademische Angelegenheiten am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Er gilt als prägende Persönlichkeit der jüngsten Phase des HND-BW – der Etablierung einer dauerhaften Kooperationsstruktur der Landesuniversitäten Baden-Württembergs. Als Mitglied des Lenkungskreises wurde er zwischen 2020 und 2024 viermal in Folge zum Sprecher gewählt.

Wie schaffte es das HND-BW, nach Förderende 2019 nicht nur zu überleben, sondern innovativer zu werden?

Diese Phase war sehr spannend, aber auch herausfordernd: 2019 drohte sich das nur drei Jahre zuvor gestartete Netzwerk schon wieder aufzulösen, als die Projektförderung des Landes endete. Damals habe ich mich intensiv dafür eingesetzt, eine Lösung zu finden und das HND-BW zukunftsfähig zu gestalten. Eine Herausforderung lag darin, dass das HND-BW von Beginn an das Ziel hatte, alle Hochschularten (Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften, Pädagogische Hochschulen etc.) gleichermaßen einzubinden. Dies war die Grundlage für die Landesförderung. Zwar war diese Zielsetzung gut gemeint, doch die Umsetzung erwies sich als schwierig: Die Entscheidungswege waren lang, die Struktur unklar und die Organisation hochkomplex. Als die Landesförderung auslief, brach dieses Konstrukt zusammen – und wir standen vor der Frage: Wie kann die Zukunft des HND-BW gesichert werden?

In dieser Situation habe ich die Initiative ergriffen und nach einer einfacheren Lösung gesucht, die vor allem von den Universitäten getragen werden kann. Zwar sind andere Hochschularten im HND-BW nicht gleichgestellt – aber es wird angestrebt, sie in relevante Prozesse einzubinden. Allerdings nicht auf institutioneller Augenhöhe, denn: Wer zahlt, der bestimmt. Unser Weg führte zunächst über zwei zentrale Ziele: Eine Einigung innerhalb der Landesuniversitäten, dass man gemeinsam einen Weg geht, sowie die Ausarbeitung eines Kooperationsvertrags, der von der Landesrektoratekonferenz und den neun Landesuniversitäten beschlossen wurde. Die Geschäftsstelle wurde von der Landesrektoratekonferenz in Stuttgart dauerhaft an das KIT verlegt. Ich bin dankbar, dass das KIT dafür das Vertrauen aller Landesuniversitäten erhalten hat. Innerhalb des KIT wurde die Geschäftsstelle am Zentrum für Mediales Lernen (ZML) angesiedelt. Das Präsidium und die damalige Leitung des ZML waren sich darin einig, dass so am besten Synergien gehoben werden können, was sich dann auch rasch gezeigt hat. Parallel dazu suchten wir eine neue Geschäftsführung. Es ist ein großes Glück, dass wir dafür Herrn Dr. Matthias Bandtel gewinnen konnten. Das HND-BW ist ihm für seine ausgezeichnete Arbeit in den letzten sechs Jahren zu allergrößtem Dank verpflichtet.

Was hat sich Ihrer Wahrnehmung nach in den letzten Jahren im Bereich Digitalisierung getan und inwiefern hat das HND-BW dazu beigetragen?

Hierzu würde ich gerne drei Themen nennen, mit denen ich selber auch viel zu tun hatte. Das erste große Thema ist das digitale Prüfen, das uns im HND-BW intensiv beschäftigt hat und schließlich in dem erfolgreichen und umfangreichen Projekt »PePP« mündete. Dabei haben wir das Thema ganzheitlich betrachtet, von rechtlichen Fragen über Datensicherheit und Datenschutz bis hin zu technischen Herausforderungen. Das Netzwerk hat dabei Orientierung geschaffen, indem es Möglichkeiten und Risiken ausgelotet, technische Hürden analysiert und betont hat, dass es nicht den einen Einheitsweg für alle Universitäten geben muss. Das ist eigentlich der Geist des Netzwerks: Es geht nicht primär darum, Dinge zu standardisieren,  und es müssen sich nicht alle auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Stattdessen geht es um den intensiven und breiten Austausch, ohne den einzelnen Hochschulen vorzuschreiben, wie sie ihre Entscheidungen treffen sollen: ein Prinzip, das sich bei diesem Thema besonders deutlich gezeigt hat.

Ein zweites zentrales Thema ist die Rechtssicherheit. Alle neun Landesuniversitäten sahen sich vor gleichen rechtlichen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung konfrontiert, etwa bei Fragen zum Urheberrecht, zu digitalen Prüfungsformen oder zum Datenmanagement. Hier hat das HND-BW durch die Erarbeitung von Handreichungen, Stellungnahmen und Vorlagen eine wichtige Lücke geschlossen. So musste nicht jede Universität das Rad neu erfinden, sondern konnte auf Lösungen zurückgreifen, die allen als solide Ausgangsbasis dienten.

Als drittes Thema möchte ich verschiedene Fortbildungsformate nennen, die im Netzwerk entwickelt wurden und die vor allem die mediale Anreicherung von Lehrveranstaltungen in den Blick nahmen. Dazu gehören Fortbildungsreihen, Diskussionsrunden und Austauschformate zu Tipps und Tricks. Am KIT profitieren wir dabei besonders vom Zentrum für Mediales Lernen, das als zentrale Schnittstelle fungiert. Die Lehrenden, die unsere Angebote nutzen, wissen oft gar nicht, dass dahinter ein ganzes Netzwerk aus Expert*innen des gesamten Landes steht. Dieses Wissen fließt in unsere Formate ein und macht sie so besonders praxisnah und fundiert.

Der Dialogprozess »Zukunftslabor: Hochschulen in der digitalen Welt« stellt für mich einen wichtigen Meilenstein dar. Mit diesem Projekt wurden nicht nur zentrale Fragen der digitalen Transformation aufgeworfen, sondern auch passende Schwerpunkte gesetzt und gemeinsam ausgearbeitet. Besonders wertvoll war dabei die Rolle des HND-BW: Durch die vielfältigen Expertisen aus unterschiedlichen Ebenen und das große Netzwerk konnte eine fundierte Basis für die Diskussionen und Entwicklungen geschaffen werden.

Welche Entwicklungen und Kompetenzen werden Ihrer Wahrnehmung nach künftig eine zentrale Rolle im Netzwerk spielen?

Das steckt ja schon im Namen: Netzwerk. Das HND-BW muss dafür sorgen, dass die Menschen auch in Zukunft miteinander im Gespräch bleiben. Denn die Vorstellung, man könne alle Themen einmal ausdiskutieren und die Ergebnisse würden dann für Jahre oder Jahrzehnte unverändert gelten, ist unrealistisch. Schließlich können Einstellungen sich ändern und es kommen auch ständig neue Akteure hinzu – und genau deshalb ist es so wichtig, den Dialog kontinuierlich fortzuführen.

Meine Erwartungen an das HND-BW sind klar: Es soll durchgehend als lebendiges Netzwerk fungieren, das Akteure zusammenbringt, kontinuierlich neue Schwerpunkte setzt und dabei einen ausgewogenen Mittelweg findet zwischen den Innovationen von Pionieren und der flächendeckenden Umsetzung in der Breite. Die Konstruktion des HND-BW mit seinen verschiedenen Ebenen wie dem Lenkungskreis und dem Expert*innenkreis, kombiniert mit der Einrichtung von Special Interest Groups, die sich strukturiert, zielgerichtet und zeitlich befristet bestimmten Themen widmen – und dabei für Berichterstattung sorgen – halte ich für ein sehr gelungenes und zukunftsfähiges Modell.

Das Interview wurde geführt von Emily Möbs am 28.05.2026.